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REPORTAGE

Utagawa Kuniyoshi

Seit jeher sind Liebhaber klassischer Tätowierungen begeistert von japanischen Hautbildern. Sie üben eine magische Faszination auf den Betrachter aus, eine künstlerische Anziehungskraft, wie die eines Magneten auf Objekte aus Eisen. Japanische Tätowierungen folgen dabei glasklaren Richtlinien, dennoch sind sie reich gesegnet an fantasievollen Motiven aus mys­tischer Vergangenheit, voller Fabel­wesen, Helden und Dämonen.

Utagawa Kuniyoshi ist weltweit für tausende Tätowierer eines der wichtigsten Leitbilder ihrer farbenprächtigen Schaffenskraft. Geboren wurde er 1798 im alten Edo, dem heutigen Tokio (1868 unter Tenno Mutsuhito umbenannt). Als Sohn eines Seidenfärbers half er seinem Vater schon in früher Kindheit bei der aufwändigen Gestaltung von Seidentüchern. Bald darauf gelangte Kuniyoshi zur bildenden Kunst und studierte unter dem japanischen Künstler Kuninao, bis einige seiner Werke die Aufmerksamkeit des bekannten Holzschnittmeisters Toyokuni erregten. Im Jahr 1811, also mit gerade einmal 13 Jahren, wurde Utagawa in dessen Kunststudio zugelassen und entwickelte sich schnell zum wichtigs­ten Schüler seines neuen Meisters. 1814 schloß Utagawa seine Lehre ab, sein Lehrer Toyokuni verlieh ihm den Beinamen Kuniyoshi und entließ ihn als freien Künstler.

Wie viele andere Künstler seiner Zeit, widmete sich auch Kuniyoshi dem Drucken von Theaterszenen, doch anfänglich mit sehr mäßigem Erfolg. Die ersten Jahre seiner eigenständigen Karriere waren kaum von Glück geprägt, und so musste er sich mit den einfachsten Handarbeiten, wie dem Reparieren von Fußmatten, durchschlagen. Erst ein eher zufälliges Treffen mit seinem alten Mitschüler Kunisada brachte Bewegung ins Spiel. Kunisada war bereits ein angesehener und erfolgreicher Künstler, und da sich Kuniyoshi ihm gegenüber immer überlegen gefühlt hatte, spornte ihn dessen Erfolg immens an. Trotz der künstlerischen Rivalität wurden beide schnell Freunde, inspirierten sich oft gegenseitig und arbeiteten sogar lange Zeit eng zusammen. Sein alter Schulfreund und dessen Erfolg waren demnach der lang ersehnte Funke, der Kuniyoshis Karriere erleuchten ließ und eine erste Serie heroisch dargestellter Helden der Antike brachten ihm die erhoffte Anerkennung.

Den Durchbruch und die Grundlage für seinen bis heute andauernden Ruhm schaffte Kuniyoshi mit der Bildreihe der „108 Helden“. Die Geschichte der 108 Helden des Suikoden geht auf einen alten chinesischen Roman über 108 ehrenwerte Banditen zurück – eine Art von asiatischer Robin Hood-Geschichte. Besonders in Japan war diese, eigentlich aus dem China des 14. Jahrhunderts stammende, Novelle unglaublich populär. 1827 wurde Kuniyoshi vom Verleger Kagaya Kichibei mit den ersten Entwürfen zur Illustration der 108 Helden beauftragt. Kuniyoshi, noch vor wenigen Jahren arm wie eine Kirchenmaus, wurde regelrecht über Nacht berühmt. Nach Ansicht aller damaligen und auch noch heutigen Kunstkritiker, war er mit diesen Arbeiten seiner Zeit weit voraus und galt somit als einer der besten Ukiyo-e Künstler (jap. Bilder der fließenden Welt: Sammelbezeichnung für ein bestimmtes Genre der japanischen Malerei und der japanischen Druckgrafik). Nach 1855 und dem großen Erdbeben, das weite Teile Edos verwüstete, produzierte Kuniyoshi kaum noch Arbeiten und verstarb, in tiefe Depressionen verfallen, am 14. April 1861 an den Folgen eines Schlaganfalls
Ab 1840 zeigen viele der Farbholzschnitte von Kuniyoshi große Einflüsse westlicher Mal- und Grafikkunst. Er selbst besaß eine umfangreiche Sammlung westlicher Stahlstiche. Kuniyoshi bewunderte sie genauso wie die europäischen Impressionisten später die japanischen Grafiken bewundern sollten. Der westliche Einfluss zeigt sich bei den Kuniyoshi-Farbholzschnitten in verschiedener Weise: Der Gebrauch der Perspektive, die Art, wie er Wolken zeichnete und der Versuch, die Effekte von Licht und Schatten zu zeigen. Kuniyoshi war Zeit seines Lebens immer ein ganz normaler Mann geblieben, keine Anzeichen von Starallüren oder anderen ruhmbedingten Charakterveränderungen. Besonders für Katzen hatte er eine ganz besonder Liebe entwickelt. Einer seiner Studenten erinnerte sich daran, dass in Kuniyoshis Haus immer ein Dutzend Katzen herumliefen, um die sich der Künstler liebevoll kümmerte. Katzen konnte man auch immer auf einigen seiner Holzschnitte finden – manchmal versteckt in einer Ecke des Bildes. Ein echter Kuniyoshi-Farbholzschnitt mit der Abbildug einer Katze hat daher unter Sammlern einen ganz besonderen Wert.

Bis heute gelten die Werke von Utagawa Kuniyoshi als epochale Meisterwerke mit dem höchsten Einfluss auf die Welt der Tätowierungen. Selbst in der Gegenwart werden tausende Tätowierer täglich von den Arbeiten dieses längst verstorbenen Künstlers inspiriert und noch viele weitere Tausende tragen tätowierte Reproduktionen und Interpretationen dieses Mannes auf ihrer Haut. Selbst 146 Jahre nach seinem Tod bleibt Ukiyo-e Künstler Utagawa Kuniyoshi einer der bedeutendsten Eckpfeiler asiatischer Tätowierungen.

In einer sich so schnell verändernden Welt, in der alles, was heute neu zu sein scheint, schon morgen alt sein wird, ist gerade der Blick zurück in die Vergangenheit oftmals eine weise Entscheidung, besonders dann, wenn es um ein so weitreichendes Thema wie die Welt der Tätowierungen geht. Der Blick zurück auf das bewegende Leben Kuniyoshis ist dabei besonders lohnenswert.

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