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LEXIKON

Scratcher

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Scratcher, Hinterhof-Tätowierer, Couch-Tattoo, Hobbystecher – Mit Scratcher wird eine Person bezeichnet, die eine Tätigkeit als Tätowierer ausübt, ohne sich durch eine Tätowierer-Lehre oder sonstige Ausbildung für diese Tätigkeit qualifiziert zu haben und sein Werkeln trotzdem in einem „Hinterhof-Ambiente“ ausführt.

Das angebliche Fachwissen, rührt meist allenfalls nur aus eigen Überlegungen oder aus Büchern her – wenn überhaupt. Dementsprechend mangelt es hier nicht nur an den nötigen Tätowier-Techniken, zum Beispiel dem Wissen über die nötige Nadel-Einstich-Tiefe, sondern in den meisten Fällen auch an den nötigen hygienischen Voraussetzungen, sterilen Gerätschaften und dem erforderlichen Zubehör. So haben sich diesbezüglich auch Begriffe entwickelt, wie beispielsweise Hinterhof-Tätowierer, Couch-Tattoo oder Hobbystecher.

Im Tattoo-Fach-Magazin Tattoo-Spirit wurde nachstehender Beitrag veröffentlicht:

Tattoo-Scratcher – Durch diesen Artikel wird kein Scratcher der Welt reumütig seine Maschine an den Nagel hängen, Kunden werden weiterhin mit schlechten Tattoos gezeichnet, und einige (wenige) schwarze Schafe der Szene werden weiterhin bestehen. Also warum dann die Mühe dieser vielen Zeilen? Sie sind der Versuch, die Dinge ins rechte Licht zu stellen; das Bemühen, den richtigen Weg aufzuzeigen und vor Gefahren zu warnen.

„The pain of low-quality is remembered long after the sweetness of low-price is forgotten.“

Der Ärger über schlechte Qualität hält wesentlich länger an als die Freude über einen günstigen Preis. Nirgendwo trifft dieser Kommentar besser zu als beim Thema Tattoo, und er trifft mitten ins Herz. Ich habe Tattoos jenseits menschlicher Vorstellungskraft gesehen, leider sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Betrachtet ein echter Tattoo-Fan Arbeiten eines Deano Cook oder Robert Hernandez, weiß er genau, warum er Tattoos so sehr liebt; sieht er aber die „Kunstwerke“ eines verantwortungslosen Hinterhof-Tätowierers, wird er leicht verunsichert und auch leicht zornig.

Was aber ist ein Scratcher überhaupt?

Wer ist der Antagonist unserer Geschichte, welche Rolle spielt dieser negative Charaktertypus in einer Lifestyle-Szene, die sich viel lieber dem Schönen als dem Hässlichen widmet? Die Definition ist simpel, doch gehen die Erläuterungen im Volksmund weit über diese hinaus. Der Scratcher kratzt Farbe unter die Haut, während ein richtiger Tätowierer auf der Haut zeichnet oder malt. Das Scratchen beschreibt also den Mangel an Fertigkeit, schlicht das schiere Unvermögen eines Möchtegern-Tätowierers. In der Regel ist somit ein Teil der blutigen Anfänger, Greenhorns oder sonstige Geister gemeint. Insider hingegen bezeichnen nicht nur einige Tätowier-Anfänger so, sondern auch diejenigen, die sich seit Jahren verzweifelt an der Materie versuchen, ohne aber sichtbare Fortschritte in Technik und Qualität zu erzielen. Diesen Zeitgenossen fehlt, nüchtern betrachtet, das Wichtigste, was ein Tätowierer mit sich bringen muss – das Talent. Es gibt Tätowierer, die schon seit mehr als zwanzig Jahren in ihrem Beruf tätig sind und einfach nur deshalb immer noch schlechter zeichnen als der Bäckergeselle aus der Nachbarschaft, weil ihnen das Talent fehlt. Dies mag auf nahezu alle Berufe unserer modernen Gesellschaft zutreffen, doch selten wird der Mangel an Begabung so hart bestraft wie beim Tätowieren. Träfe die Strafe nun den Scratcher selbst, regte sich wohl niemand darüber auf, schließlich erwischte sie den Richtigen. Doch leider trifft es den Kunden, der teils durch Unwissenheit, teils durch mangelhafte Informationsbemühungen, der Leidtragende dieser Geschichte wird.

Eigentlich könnte sich jeder eine Tattooenttäuschung ersparen und sich vor Scratchern schützen. Der Zauber, der Tattoo zu einem schönen Erlebnis werden lässt, heißt Information und wird überall in unermesslicher Menge geboten. Zum Problem wird alleine die Tatsache, dass wir gewohnt sind, schnell und gedankenlos oder aber mit zu scharfem Blick aufs Geld konsumieren – wir sind gewohnt zu sparen – Geiz ist geil. Wir erwägen zwar den Vergleich einiger weniger Fakten, doch unsere Zeit ist uns so wertvoll geworden, dass diese unseren Verstand benebelt. Daher nehmen wir ein Informationsangebot nur kurz in Anspruch, suchen nach dem Schnellsten und oftmals leider auch nach dem Günstigsten. Mit anderen Worten – wir sind zu bequem geworden.

Nun kann man das Problem der Scratcher aber nicht einfach auf den Fan abwälzen und sich als Profi jeglicher Verantwortung entziehen. Und hier beginnen wir, uns langsam der Hauptthematik dieses Artikels zu nähern. Jeder Berufszweig verfügt über ein umfassendes, langjähriges Ausbildungssystem, nur nicht der des Tätowierers. Warum das so ist, werden wir in diesen Zeilen kaum klären, geschweige denn für Abhilfe sorgen können. Zwar hört man immer wieder, mal hier und mal da, dass Tattoo Lehren absolviert werden, aber leider ist dies maginal. Der Großteil der momentan existierenden Profi-Szene musste auf autodidaktische Lernmethoden zurückgreifen. Betrachtet man nun auf einer der vielen Tattoo-Veranstaltungen den aktuell hohen Qualitätsstandard, könnte man meinen, diese Methoden führten grundsätzlich zum gewünschten Erfolg. Doch nur so lange, bis wieder der Scratcher den Schauplatz dieses Artikels betritt, um mit seinen schlechten Arbeitsweisen beinahe den Tatbestand der Körperverletzung zu erfüllen. Das Prinzip der Tattoo-Lehre funktioniert zwar, als europaweite, flächendeckende Institution aber leider oft nur in der Theorie. Warum das so ist, bleibt ebenso schwer zu beantworten wie die Existenz der Scratcher an sich. Wie oft hat man schon davon gehört, daß man auf Fragen zu Technik und Arbeitsweisen von Tätowierern meist nur ablehnende Blicke erntet. Man behält das erarbeitete Fachwissen lieber für sich und hütet dieses wie einen goldenen Schatz. Der Unbedarfte mag denken, es wäre doch ein Leichtes, den Standard auf ein weit höheres Niveau zu tragen, würden alle Tätowierer der Welt ihr Wissen teilen. Aber auch an dieser Stelle muss ich erneut auf Vergleiche zu anderen Branchen zurückgreifen. Würde man Coca-Cola bitten, die firmeneigenen Geheimrezepturen unter dem Vorwand offen zu legen, die Gesamtqualität der Getränkebranche verbessern zu wollen, wäre die Antwort mit Sicherheit ein glasklare Absage, gepaart mit verständnislosem Kopfschütteln. Nicht anders verhält es sich in der Tattoo-Welt. Niemand kann erwarten, dass Geheimnisse, die letztendlich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, frohen Mutes und blauäugig ans Licht der Öffentlichkeit gegeben werden. Dafür sind diese über Jahrzehnte erlernten Kenntnisse einfach zu wertvoller Natur.

Dieses Fachwissen ist, in logischer Konsequenz, nichts weiter als das Kapital, auf das sich die Existenz eines Profi-Tätowierers stützt. Und so traurig es auch klingen mag, nur zu oft wurden Hunderte von Profis schwer enttäuscht, nachdem sie sich bereit erklärten, ihr Wissen an andere weiterzugeben. Ein renommierter Tätowierer nimmt einen talentierten Schüler bei sich auf und weiht ihn in alle Geheimnisse seiner Zunft ein. Zum Dank eröffnet der Schüler dann nur drei Straßen weiter sein eigenes Tattoo-Studio und verursacht dann möglichst auch noch mit billigeren Angebotspreisen den Ruin seines Lehrmeisters. Dieses „Butter vom Brot nehmen“ ist genau so schon hunderte Male geschehen, und wie in Gottes Namen sollte man gerade diesen Lehrer nun davon überzeugen, dass es für die gesamte Szene wichtig sei, erneut einen Lehrling aufzunehmen? Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, oder etwa nicht?

In kaum einer anderen Branche dürfen sich die Stars so wenige Fehler erlauben wie in der Tattoo-Szene. Fährt Schumacher in Inter-Lagos seinen Boliden vor die Wand, kein Problem, nimmt er eben seinen Ersatzwagen. Schießt David Beckham den Fußball zehn Meter über das Tor, auch nicht schlimm, denn in drei Wochen spricht niemand mehr davon. Das fehlerhafte Tattoo eines Top-Tätowierers? Die Antwort kann sich jeder getrost selbst geben. Auch dies ist ein Punkt, den die führenden Tätowierer Europas gemein haben. Alle schafften es ganz nach oben, weil ihnen der Wunsch nach Perfektion wichtig gewesen ist und er sie noch immer antreibt. Die Wünsche, die einen Scratcher antreiben, beschränken sich in der Regel auf seinen Geldbeutel. Das Thema Geld geht mit dem Scratcher Hand in Hand, denn ein auch nur annähernd stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis bleibt dem Kunden beim Hinterhof-Tätowierer stets verwehrt.

Aber wie wehrt man sich nun am effektivsten gegen ein schlechtes Tattoo? Zuvor hatte ich das Thema Information angeschnitten. Dies ist und bleibt im Grunde genommen die einzige Waffe gegen den Scratcher. Aber wie und wo bekomme ich sie? Als erstes natürlich über eine Fachzeitschrift. Magazine wie zum Beispiel das Tattoo-Spirit erheben gewisse Ansprüche an das zu veröffentlichende Bildmaterial. Nur Tattoo-Motive mit einem entsprechenden Qualitäts-Standard werden hier präsentiert. Bei einem visuellen Streifzug durch dieses Magazin wird auch der anspruchsvollste Tattoo-Fan auf ein Motiv seiner Wahl treffen. Doch hier eröffnet sich erneut ein Problem. Der Tattoo-Liebhaber kennt seine Materie, er sieht auf den ersten Blick die Unterschiede zwischen einem guten oder schlechten Tattoo. Was aber ist mit dem Einsteiger? Ihm sind Qualitätsunterschiede oftmals fremde Geister. Zum einen sei dem Einsteiger gesagt, dass er auf das Urteil eines der unterschiedlichen Tattoo-Fachmagazine vertrauen kann, und zum anderen sei ihm folgender Rat mit auf den Weg gegeben: Nutzt das Internet. Hier gibt es nicht nur tausendfache Informationsquellen, sondern auch objektive Beurteilungen. Diese sind in den meisten Fällen um ein Vielfaches wichtiger als die schönsten Lobpreisungen und Zertifikat- und Seminar-Dokumente. Geht in eines der unzähligen Tattoo-Foren und bittet die Anwesenden um ihre Hilfe. In der Regel handelt es sich hier um unvoreingenommene Tattoo-Fans, die vor harter, aber ehrlicher Kritik nicht zurückschrecken werden. Fragen wie etwa: „Welches Studio könnt ihr im Raum X empfehlen?“ oder: „Was haltet ihr von diesen Tattoo-Arbeiten?“ führen den Einsteiger in den meisten Fällen geradewegs zu einem vertrauenswürdigen Tätowierer, der in der Lage sein wird, das gewünschte Motiv in hoher Qualität und für einen angemessenen Preis in die Tat umzusetzen. Unser Magazin-eigenes Forum (www.tattoo-spirit.de), aber auch das Tattooscout-Forum (www.tattooscout.de) kann jedem Einsteiger wärmstens empfohlen werden, ganz einfach deshalb, weil die Mitglieder dieser Foren äußerst hilfsbereit und unvoreingenommen sind.
Außerdem veröffentlicht unser Kruhm-Verlag inzwischen erfolgreich das Magazin Tattoo-Studio. Hier werden Studios in ein bis vier Seiten starken Berichten vorgestellt. Man erfährt etwas über das Team, über die Studio-Ausstattung, die Motive und über sonstige Aktivitäten.

Und was, wenn man keinen Internet-Zugang besitzt? Auch dann braucht kein Einsteiger zu verzweifeln, geschweige denn auf seinen Tattoo-Wunsch zu verzichten. Es gibt kaum jemanden, der nicht mindestens eine Person mit Internet in seinem Bekanntenkreis aufweisen kann. Und selbst gänzlich ohne Unterstützung des WorldWideWeb gibt es immer noch Möglichkeiten, Informationsquellen zu nutzen. So gibt es zum Beispiel die äußerst nützlichen Tattoo-Messen. Auf einer Tattoo-Convention kann jeder Besucher die Fertigkeiten von manchmal bis zu vierhundert Tätowierern gleichzeitig vergleichen. Diese sogenannten Convention haben ihren festen Platz in nahezu jeder großen Stadt und finden in der Regel in jeder dieser Städte einmal pro Jahr statt, wodurch im Abstand von nur ein paar Wochen etliche dieser Veranstaltungen ihre Pforten öffnen. Und so ist es für jeden ein Leichtes, das passende Event, in nicht allzu ferner Zeit, an einem nahe gelegenen Ort zu finden.

Wir erleben den noch immer anhaltenden Hype, oder wie immer wir dieses Phänomen nennen wollen. In unserer schnelllebigen Gesellschaft kommen und gehen Trends so schnell, dass man sich nach kurzer Zeit nicht einmal mehr an die Namen erinnert. Was heute noch cool ist, gehört schon morgen zum alten Eisen. Und so wie bei jedem neuen Trend versuchen viele, mit Hilfe der marktwirtschaftlichen Gesetze von Angebot und Nachfrage ihre finanziellen Vorteile zu suchen. Das ist weder unmoralisch noch vermeidbar, sondern (leider) Teil des Systems, in dem wir leben. Doch hindert uns dies nicht daran, das Tattoo als das zu bewahren, was es eigentlich verkörpert. Mit ein wenig Farbe unter der Haut verbinden sich so wunderbare Dinge wie Stolz, Respekt, Selbstbewusstsein und Individualität und noch so viel mehr.

Mehr! Zu diesem Thema sollte man auch die Erklärungen zum Suchwort Tattoo-Entfernung lesen.

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