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LEXIKON

Horihide

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Horihide – Kazuo Oguri – Tattoo-Meister – Ed Hardy – Sailor-Jerry –

Kazuo Oguri, besser bekannt als Horihide, ist einer der bedeutendsten Tattoomeister der Geschichte. Er war einer der Lehrmeister der Tattoo-Ikonen Sailor Jerry und Ed Hardy.

Im Tattoo-Fachmagazin Tattoo-Spirit Ausgabe 47 veröffentlichten wir folgenden Bericht über die Tattoo-Persönlichkeit Horihide:

Inhalt:
1. Einleitung
2. Der allgemeine Werdegang
3. Horihide hatte seine fünfjährige Lehrstelle
4. Nachts tätowierte ich meine Oberschenkel ohne Farbe
5. Ich wußte, irgendwann würde ich ein Meister werden
6. Früher bestand Tattoo-Farbe aus Ruß von kochendem Oel
7. Eine Tätowierung muß man klar und deutlich aus der Entfernung sehen können

1. Einleitung

Oguri, Kazuo besser bekannt als Horihide, ist einer der bedeutendsten Tattoomeister der Geschichte. Nach Ende des zweiten Weltkrieges war er es, der westlichen Tätowierern wie Sailor Jerry und und später auch Ed Hardy die asiatische Tattoo-Kunst näher brachte. Damit hat er das Bild der Tätowierungen aus Fernost für die Tattoo-Fans weltweit maßgeblich geprägt und beeinflußt.

2. Der allgemeine Werdegang
Kazuo Oguri wurde 1933 in Gifu, einer großen Industriestadt in Zentral-Japan, geboren. Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Zeiten sehr hart. Kaum jemand hatte Arbeit und die kleinen verfügbaren Jobs reichten meist nicht aus, um sich auch nur annähernd über Wasser zu halten. Kazuo reiste nach Tokyo um Arbeit zu finden und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und eben dieses Schicksal schien ihm dann nach Wochen der Suche und der Ungewissheit einen glücklichen Wink zu geben. »Ich schlenderte durch eine der vielen dunklen Gassen der Stadt, an einer Türe hing ein Schild: Lehrling gesucht! Doch es stand nichts darüber geschrieben, wofür ein Auszubildender gesucht wurde. Ich klopfte also an der Türe und eine freundlich aussehende Frau öffnete die Türe. Ich erklärte ihr, dass ich die Arbeit gerne annehmen würde, doch wüsste ich nicht, um welche Arbeit es sich handelte.« Die Frau sagte ihm, dass ihr Mann alles erklären würde, er solle hineinkommen und kurz warten, bis ihr Mann mit seiner Arbeit fertig wäre. Kazuo wartete gut eine halbe Stunde. Als dann der Mann, der sein Lehrmeister sein würde, aus seinem Arbeitszimmer kam, fielen Kazuo sofort dessen vielen Tätowierungen auf. Zu dieser Zeit kannte man Tattoos nur von den Yakuza und so machte sich in Kazuos Magengegend ein ziemlich ungutes Gefühl breit. Der Meister sah natürlich den verängstigten Blick des Jungen und erklärte ihm, dass er eben kein Yakuza, sondern vielmehr ein Tattoo-Meister wäre, auf der Suche nach einem talentierten und vor allem fleißigen und loyalen Schüler. Nach einem kurzen Gespräch der beiden beschloss der Meister, Kazuo als seinen Lehrling anzunehmen.

3. Horihide hatte seine fünfjährige Lehrstelle
Zur damaligen Zeit herrschte noch das Feudalsystem in Japan und Tattoolehrlinge verbrachten ihre Zeit in einer Art Lehnswesen, in Japan Uchideshi genannt. Schüler wohnten bei ihren Meistern und wurden von ihm fünf Jahre lang ausgebildet. Danach durften sie sich selbständig machen. Im ersten Jahr der Selbständigkeit gaben sie das verdiente Geld ihrem alten Meister, als Symbol der Dankbarkeit. Dieses erste Dienstjahr wurde als Oreiboko bezeichnet.

»In den ersten beiden Jahren durfte ich gerade einmal die Hausarbeiten machen,« erzählt Kazuo. Tätowierer durften in der damaligen Zeit nicht den kleinsten Fehler machen und die Hausarbeit sollte dazu dienen, die Schüler zunächst zu disziplinieren. Nach diesen ersten zwei Jahren durfte Kazuo mit ersten Tattoo-Zeichnungen beginnen. Tag für Tag lernte er von den Motiv-Vorlagen seines Meisters. Jeden Morgen musste Kazuo um Fünf Uhr aufstehen und vor seinem Training den kompletten Haushalt erledigen. »Im Winter musste ich mit alten Lumpen die Böden vor dem Haus mit kalten Wasser schrubben. Ich hatte Frostbeulen und meine Hände waren geschwollen. Wir hatten fast nie genug zu essen. Es war die Zeit nach dem Krieg und man bekam kaum Lebensmittel. An manchen Tagen dachte ich, ich müsse vor Hunger sterben. Die Zeiten waren wirklich hart.«

»Heute können sich Tattoo-Lehrlinge kaum vorstellen, wie schwer es damals wirklich war.« erklärt Kazuo. Oft wurde er von seinem Meister für die kleinsten Dinge angeschrien und auch geschlagen. Um diese Behandlung ertragen zu können, bedurfte es einer gehörigen Portion Geduld. Viele Schüler hielten nicht einmal das erste Jahr aus und rannten davon. Auch Kazuo fragte sich oft, warum sein Meister so streng zu ihm war. Er durfte ihn nicht fragen, denn zu diesen alten Feudalzeiten hatte er seinen Meister nicht zu kritisieren, sondern seine Anweisungen zu befolgen. Oft lag er Nachts in seinem Bett und weinte, weil er so frustriert war, aber Kazuo war stark und er blieb bei seinem Meister. »Ich erkannte, dass mein Meister so streng mit mir war, um mich mental so stark zu machen, dass ich später als Tätowierer bestehen könne. Damals verstand ich es nicht und hasste meinen Meister, heute schäme ich mich dafür.«
Damals arbeiteten Tätowierer in ihrem eigenen Haus. Sie hatten kein Schild an der Türe oder Visitenkarten, die sie verteilten. Erst spät nach dem Ende des Krieges war das Tätowieren offiziell erlaubt, vorher war es strengstens verboten. So fanden die Kunden einen Tätowierer meist durch Mundpropaganda.

4. Nachts tätowierte ich meine Oberschenkel ohne Farbe

»Nachts, wenn alle schliefen, schlich ich mich in das Arbeitszimmer meines Meisters, nahm die Nadeln aus seinem Arbeitskoffer, setzte mich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und begann meine Oberschenkel ohne Farbe zu tätowieren. Dabei versuchte ich mich daran zu erinnern, wie es mein Meister immer tat.«
Kazuo übte weiter das Tätoweren ohne Farbe. Er benutzte dünne Bambusstäbchen für »sujibori«, die Außenlinien. Die Spitzen der Stäbchen waren geschärft und fünf bis sechs dieser »Nadeln« wurden mit einem Seidenfaden zusammengebunden. Jede Nacht übte Kazuo mit den Bambusnadeln an sich selbst. Tagsüber erledigte der den Haushalt. Immer, wenn er mit seinen Arbeiten fertig war, durfte er zur Linken seines Meisters sitzen und ihm aus respektvoller Entfernung bei der Tattoo-Arbeit zusehen.

Still saß er bei seinem Meister und schaute ihm beim tätowieren zu. Die Kunden kamen zum so genannten »hitoppori.« Dabei wurden diese Kunden jeden Tag genau zwei Stunden lang tätowiert. Bei größeren Tattoos wurden die Kunden nur für alle zwei, manchmal sogar nur für alle drei Tage bestellt, damit die Haut Zeit hatte zu heilen. Kazuo saß stets still bei seinem Meister und sah ihm bei der Arbeit zu. Er beobachtete hochkonzentriert jede noch so kleine Handbewegung, um die Tattoofertigkeiten seines Meisters zu erlernen.

5. Ich wußte, irgendwann würde ich ein Meister werden

Schüler nannten die Frau des Meisters in der Regel »ane-san« oder »okami-san«. Kazuo nannte die Gemahlin seines Meisters »ane-san«, was sie sehr glücklich zu machen schien. Eines Tages bat die Frau des Meisters Kazuo, im Garten Holz zu hacken. Es war sehr heiß und Kazuo zog eine kurze Hose an. Ane-san sah dabei die Nadelspuren an seinen Oberschenkeln. Sie war sehr überrascht und fragte, wie er an die vielen Kratzer kam und ob er sich etwa selbst tätowieren würde. Kazuo bejahte. Ane-san fragte, ob er schon einmal die Beine des Meisters gesehen hätte. »Seine Beine sind komplett tätowiert. Verstehst du? Er hat mir erzählt, dass er sich als Schüler diese Tattoos selbst gestochen hat. Darum sind seine Beine komplett schwarz. Er meinte, das ein Tätowierer lernen muss, indem er sich selbst tätowiert, Es gibt nichts, was das Üben auf menschlicher Haut ersetzen könnte, also muss man auf seinem eigenen Körper lernen um ein guter Tätowierer zu werden.«

»Als ich dass hörte, beschloss ich noch mehr und härter an mir selbst zu üben und wenn ich meinen kompletten Körper schwarz tätowieren müsste, irgendwann würde ich ein Meister-Tätowierer werden.« Kazuo übte weiter an seinen Beinen, die meiste Zeit aber ohne Farbe zu benutzen. Ihn selbst inspirierten damals die Kuniyoshi Tattoo-Designs, die auf Ukiyo-e (Holztafeldrucke) basieren, am meisten. Kuniyoshis Suikoden sind Helden einer alten chinesischen Legende und für Tätowierer eine vortreffliche Gelegenheit, die eigenen Fähigkeiten zu demonstrieren. Er übte so lange bis sein Meister ihn für würdig genug hielt, seinen eigenen Weg zu gehen. Von ihm bekam er, wie in Japan üblich, seinen Künstlernamen: Horihide.

6. Früher bestand Tattoo-Farbe aus Ruß von kochendem Oel
Früher benutzte man Ruß von kochendem Öl als Tattoo-Farbe, heute bestellt man geprüfte Farben im Internet. Früher wurde ausschließlich von Hand tätowiert, heute arbeiten die meisten japanischen Tätowierer mit elektrischen Maschinen. Die Zeiten, in denen junge Künstler im sujibori (Außenlinien) und bokashibori (Schattierungen) von Hand tätowierten, scheinen langsam in Vergessenheit zu geraten.
»Junge Tätowierer wissen leider viele wichtige Dinge über die japanische Tätowierkunst nicht.« erklärt Kazuo. »So muss man als Tätowierer bestrebt sein, die Jahreszeiten in einer Tätowierung korrekt wieder zu geben. Tätowierer, die nicht bei einem alten Meister in die Lehre gegangen sind, tätowieren beispielsweise eine Schlange zusammen mit Kirschblüten. Traditionell ist das aber völlig falsch. Wenn die japanischen Kirschen im März zu blühen beginnen, liegt die Schlange noch lange im Winterschlaf. Es ist also nicht möglich, die Schlange und die Kirschblüten in einer Periode gemeinsam zu sehen. Daher macht es auch überhaupt keinen Sinn, sie gemeinsam zu zeichnen, geschweige denn, sie gemeinsam zu tätowieren. In anderen Fällen werden Karpfen tätowiert, die einen Wasserfall empor springen. Dazu gesellen sich Pfingstrosen. Die Karpfen schwimmen in Japan aber Ende September Fluss aufwärts. Zu diesem Zeitpunkt blühen keine Pfingstrosen und die Karpfen müssten vielmehr mit Ahornblättern dargestellt werden.
Eines Tages traf ich einen Europäer, der mir stolz sein »Tenka Gomen« Tattoo zeigte, was so viel wie »In Sorge um die Welt« heißt. Das Wort Gomen wurde bei diesem Tattoo mit Masken dargestellt. »Go« heißt »Fünf« und »Men« heißt »Maske«. Der Mann trug zwei Masken auf dem linken Arm und drei Masken auf seinem rechten. In Japan wird bei diesen Motiven das eigene Gesicht aber als Maske mitgezählt. Demnach hätten nur zwei Masken auf den linken und auch nur zwei Masken auf den rechten Arm tätowiert werden dürfen. Nur Tätowierern ohne klassischen Lehrmeister unterlaufen derartige Fehler.«

7. Eine Tätowierung muß man klar und deutlich aus der Entfernung sehen können
Hormimono bedeutet in Japan Tätowieren. Hori – einschneiden und mono bedeutet »Dinge« Das Tätowieren ist für Kazuo ähnlich dem Gravieren einer Skulptur. Ein Tattoo ist nicht wirklich nur ein Bild. Es muss aus der Distanz von einigen Metern betrachtet und geschätzt werden. Was man mit einer Tätowierung ausdrücken will, sollte man ganz klar und eindeutig aus der Entfernung sehen können. Tattoos sollten wie auch Skulpturen, rau und dramatisch sein.

»Ich liebe meinen Beruf und bin sehr glücklich damit. So lange ich meine Hände bewegen kann, werde ich auch tätowieren. Alles was ich kann und bin, verdanke ich meinem Meister, dem ich auf ewig dankbar bin.«

Hori (japanisch, abgeleitet aus dem Verb Horu= schnitzen, gravieren) ist ursprünglich ein Begriff aus dem Kunsthandwerk der Holzschnitzer, deren Ausarbeitungen den Tätowierern zur Edo-Zeit als Vorlage dienten.

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