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LEXIKON

Lard Yao Tattoo

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Lard Yao Tattoo, Tätowierer Peter, On the Road – Peter ist ein Tätowierer, der noch von Hand, also ohne Tätowiermaschine arbeitet, und zwar nach der alten traditionellen Technik der thailändischen Mönche. Aber Peter kein thailändischer Mönch, sondern ein Deutscher aus Bayern.

Tätowierer Peter hat eine unglaublich interessante Geschichte zu erzählen, denn die Art und vor allem die Umstände unter denen er das Tätowierhandwerk erlernte, waren weit mehr als außergewöhnlich.

Wenn man Peter (Lard Yao Tattoo) zufällig auf einer Convention entdeckt, hat sich meist schon eine beachtliche Menschentraube vor seinem Stand versammelt, die ihn unentwegt mit neugierigen Blicken bei der Arbeit beobachtet. Und das hat seinen guten Grund: Tätowierer, die ausschließlich von Hand, also ohne Hilfe einer Tätowiermaschine arbeiten, gehören nicht gerade zum europäischen Alltag. Und solche, die sich dabei auch noch der traditionellen Technik thailändischer Mönche bedienen, schon mal gar nicht. Aber da ist noch etwas anderes:

Die Aura, die ihn beim Tätowieren umgibt, hat so etwas beruhigend Meditatives, dass man alles Andere um sich herum vergessen kann und nicht selten sprechen seine Kunden nach vollendeter Arbeit sogar von einem nahezu spirituellen Erlebnis. Nur ist Peter kein Thailänder sondern Deutscher und obwohl gebürtiger Bayer, noch lange kein Mönch. Von den deutschen Wurzeln ist an seinem Stand auch eher wenig zu sehen. Nur sein Dialekt verrät zuweilen seine Herkunft. Stattdessen kann man in den ausliegenden Flash Sets neben seinen Vorlagen etliche Fotos von seinen Reisen in Länder wie Pakistan, Nepal oder Indien (hier vor allem Goa) entdecken. Eine feste Studioadresse hingegen wird man vergeblich suchen. Peter liebt die Freiheit und arbeitet auschließlich „On the Road“. Die Aussage „Mein Feld ist die Welt“ ist bei ihm eben weit mehr als nur ein Spruch. Denn Freiheit ist ihm fast wichtiger als alles Andere. Und wer auch immer ihn nach seinem ungewöhnlich klingenden Namen „Lard Yao“ fragt, wird auch erfahren warum.

„Lard Yao“ ist der Stadtteil von Bangkok, den er niemals vergessen wird. Der Teil von Bangkok, den man besser nie zu Gesicht bekommt. Eine kleine Stadt in einer Großen, die offiziell als „Klang Klong Prem Prison“ bezeichnet wird und durch die internationale Presse als „Bangkok Hilton“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist. Kurz: Eins der schlimmsten Gefängnisse, die man sich als Europäer vorstellen kann, mit rund 10.000 Gefangenen. „Lard Yao“ ist für Peter aber noch weit mehr. Allen Erfahrungen, und seien sie noch so schlimm, das Positive abzugewinnen, ist sein Lebensmotto. Und so steht „Lard Yao“ für ihn in erster Linie für den Start in sein neues Leben. Aber auch für Freundschaft, auf die man gerade unter solch extremen Verhältnissen angewiesen ist. „Früher war ich ein richtiger Junkie und hätte man mich nicht festgenommen und weggesperrt, würde ich jetzt nicht mehr leben“, sagt er heute, weshalb er auch keinerlei Groll hegt, wenn er an diese Zeit zurück denkt. Insgesamt 4 Jahre und 3 Monate hatte er dort ab 1992 verbracht und damit genau genommen noch Glück gehabt. Der eigentliche Tatvorwurf lautete nämlich „Handel mit Betäubungsmitteln“, was in Thailand 25 Jahre bis Todesstrafe bedeutet. Nicht, dass er das auch getan hätte, aber alles über 20 Gramm wird automatisch als Handel angeklagt, selbst wenn man das Gegenteil beweisen kann. Nach der Laboruntersuchung war es dann aber doch weniger und den Eigenverbrauch gab er schließlich zu, weshalb ihm die Hälfte der 10-jährigen Höchststrafe direkt erlassen wurde. Die Zustände in „Lard Yao“ lassen sich nur schwer vorstellen. Teilweise 30 bis 40 Inhaftierte teilen sich eine Zelle und von Hygiene sollte man besser erst gar nicht sprechen. Doch ausgerechnet an diesem Ort begann Peters Tattoo – Karriere. „Fast jeder Thai dort konnte tätowieren. Und trotz der Umstände und dem ganzen Dreck, gab es während meiner Haftzeit nicht eine einzige Infektion.“ Den Grund dafür sieht er in der Technik der Thais, bei der die Haut kaum verletzt wird. Anders als mit einer Maschine, die durch ihre Geschwindigkeit die Haut quasi aufschneidet, oder der japanischen Art, wo man die Nadeln in einem Winkel von ca. 45 Grad in die Haut treibt und normalerweise mit mehreren Nadelreihen arbeitet, beschränkt man sich hier auf das Nötigste. Lediglich eine Nadelreihe (Peter benutzt heute meist zwischen 3 und 9 einzeln aneinander gereihte Nadeln) wird im Winkel von 80 bis 90 Grad gerade soweit in die Haut gebracht, dass die Farbe hält. Eine sehr unblutige Angelegenheit, die zudem nur eine extrem kurze Abheilphase benötigt. Trotzdem sollte man sich nichts vormachen: Eine Infektion könnte man sich mit Sicherheit auch so holen, steriles Werkzeug beim Tätowieren ist also auch bei dieser Technik ein unbedingtes Muss. Bedenken, das solche Tätowierungen nicht ganz so lange halten, braucht man übrigens nicht zu haben. Als mir Peter seine Werke aus „Lard Yao“ zeigt, die mittlerweile immerhin 12 bis 16 Jahre alt sind, stellt sich eher das Gegenteil heraus. Die Farben sind noch immer brillant und vor allem die Linien kaum „ausgefranst“, sondern klar und deutlich.
Diese Technik zu erlernen, war nun sein großes Ziel und Lehrmeister hatte er nicht nur einen, sondern gleich Hunderte. Seine anfängliche Frage, ob sie ihm das denn nicht auch beibringen könnten, stieß aber erst einmal auf Unverständnis. Beibringen? Nee, zuschauen und loslegen war die Antwort. Und so ließ sich Peter selbst tätowieren und schaute zu, sehr genau. Eine Hilfestellung bekam er aber noch auf andere Weise: „Am Anfang haben die Thais für mich die Linien gestochen, sodass ich die Flächen nur noch auszufüllen brauchte. Bevor ich die Flächen füllte habe ich diese Flächen erst dazu genutzt, einfache grafische Elemente wie Achten oder Kreise zu tätowieren, um ein Gespür für das Ganze zu bekommen.“ Nach einiger Zeit wurde Peter schließlich selbst ein geachtetes Mitglied dieser Gemeinschaft, für die es allerdings ein größeres Problem gab. Tätowieren war strengstens untersagt, wer dabei erwischt wurde, bekam große Schwierigkeiten. Als Europäer hatte er das Privileg der Wahl zwischen Schlägen oder in Ketten gelegt zu werden. Zu insgesamt beachtlichen 6 Monaten in Ketten, hat er es so gebracht. Nach seiner Entlassung aus „Lard Yao“, warteten dann noch 2 Jahre und 6 Monate Reststrafe in Deutschland auf ihn, die ihm im Vergleich zum „Bangkok Hilton“ aber wohl eher wie ein Aufenthalt in dem richtigen Hotel vorgekommen sein müssen, und die er sozusagen als zweite Lehrzeit nutzte. Ein Grinsen kann er sich dabei nicht verkneifen. „Das war schon irgendwie lustig. Die Wärter wussten ja, dass ich tätowiere und haben ständig meine Zelle auf den Kopf gestellt. Nur haben sie natürlich nach einer selbst gebastelten Maschine gesucht. Aber ich hatte nur normale Nähnadeln und das Stäbchen steckte in meinem Blumentopf. Gefunden haben sie nur meine Vorlagen, und dafür konnte man mir nichts anhaben.“

Die Jahre der Gefangenschaft waren damit genauso abgehakt, wie sein altes Leben. Peter war mittlerweile Tätowierer mit Leib und Seele, aber auch ein Exot in der deutschen Szene. „Ich hatte das Gefühl, was Designs und besonders Schnelligkeit angeht, nicht mithalten zu können. Nur von Hand mit einer Flat (eine einzige Nadelreihe) zu tätowieren dauert eben seine Zeit.“ Trotzdem ist er nie auf den Gedanken gekommen auf Maschinen umzusteigen, auch aus Respekt vor seinen Lehrern, denen er noch immer tief verbunden ist. Und was die Designs angeht, half ihm seine damalige Frau, eine Künstlerin, auf die Sprünge. „Meine Frau hat sofort gesehen, dass ich eine Technik beherrsche, die sonst wahrscheinlich kein Europäer beherrscht, aber auch mein Manko mit den Designs erkannt sie und unterrichtet mich darin. Ich hatte zwar zeichnerisches Talent, aber der letzte Schliff fehlte mir noch.“ Das war bereits nachdem er sich 2000 einen Bus gekauft und Deutschland größtenteils den Rücken gekehrt hatte. Genauer gesagt in Pakistan, wo er über mehrere Monate von früh morgens bis abends, wenn es keinen Strom mehr gab, nichts anderes tat als an seinen zeichnerischen Fähigkeiten zu arbeiten und neue Designs zu entwerfen. Die Länder, die er seit dem bereist hat, mag ich hier gar nicht alle aufzählen. Richtig sesshaft ist er seither jedenfalls nicht mehr geworden. Eine Art zweite Heimat hat er allerdings im indischen Bundesstaat Goa gefunden, wo er bis heute ein kleines Häuschen besitzt. Und in Schottland, wo er mit seiner heutigen Lebensgefährtin lebt, wenn sie mal nicht unterwegs sind. Und das ist recht selten der Fall, denn Peter ist gefragter denn je und in nahezu jedem guten Studio ein gern gesehener Gasttätowierer. Doch Goa bleibt für ihn immer etwas Besonderes: „In allen Ländern, in denen ich arbeite, tätowiere ich meist Einheimische. Nur nicht in Goa. In Goa tätowierst Du die ganze Welt, Australier wie Koreaner, einfach alle.“ Und genau das passt zu Peter. Denn wie gesagt, die Aussage „Mein Feld ist die Welt., ist bei ihm weit mehr als ein Spruch.

Ein Wort zum Schluss: Peter ist etwas ganz Besonderes, genau wie seine Tätowierungen, die sich nicht mit solchen, die mit einer Tätowiermaschine gestochen werden, vergleichen lassen. Allein schon die Schattierungen besitzen einen ganz eigenen, unverkennbaren Fluss und damit ihre eigene Dynamik. Einer der Punkte, die seine Arbeiten so außergewöhnlich machen, und für die er auf fast jeder Convention immer wieder ausgezeichnet wird. Eine Tätowierung von ihm ist auch immer ein Stück „Lard Yao“ und eine seiner Spezialitäten dabei sind Schutzsymbole, wie sie von Mönchen in Thailand, Laos oder auch Burma benutzt werden. Eine Art von weißer Magie, die einen vor Unheil bewahren soll. Aber darauf sprecht ihn besser selbst an. Ein wirklich sehr interessantes Thema. Gelegenheit dazu habt ihr z.B. jedes Jahr auf der Tattoo Convention Rüdesheim. Weitere Informationen zu Peter sowie einen Tourplan findet ihr auf seinen beiden Internetseiten (www.lardyao-tattoo.de und www.myspace.com/lardyao). Eines möchte Peter an dieser Stelle aber noch loswerden: Ein Dank an all seine Lehrmeister, die „Lard Yao“ größtenteils wahrscheinlich niemals mehr verlassen werden. Nicht weil sie wieder straffällig werden, sondern weil sie durch ihre Tätowierungen für den Staat einfach nicht mehr ins gesellschaftliche Bild passen und nach ihrer Entlassung unter irgendeinem Vorwand gleich wieder eingesperrt werden. Ihr Können werden diese Leute deshalb nie in Freiheit zeigen können, weshalb man Peters Worte auch verstehen kann: „Die Besten verlassen Lard Yao nie.“

Peter – Lard Yao Tattoo – On the Road
www.lardyao-tattoo.de

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